Hasta La Vista, Baby
Freitag, 1. Dezember 2006

(Sammlungen aus der Presse) Viele Computerfreaks haben Vista seit einigen Monaten gründlich inspiziert. Eine schnelle Antwort vorab: Das neue Betriebssystem ist gewiss keine Revolution, aber wesentliche Veränderungen werden in der Werbung nicht angesprochen, insbesondere das Digital Rights Management (DRM). Ob das jetzt so böse Sachen sind, wie auf Golem.de geschrieben wird, darüber können sie hier im Artikel auf Seite 2 mehr lesen und sich eigene Eindrücke verschaffen. 

Offenbar ist die Geschäftswelt noch nicht bereit für den neuen Tag. Für Microsoft ist es ein großes Ding, alle anderen warten lieber erst mal ab. Branchenkenner bezweifeln, dass die Mehrheit der Unternehmen ihre IT-Infrastruktur kurzfristig auf Vista migrieren werden.

Nach Jahren der Service Packs und Patches sei XP doch ganz brauchbar und den Kunden nicht ganz klar, wofür sie Vista so dringend brauchen.

Minimalanforderungen

So wundert es nicht, dass auch Vista höhere Anforderungen stellt, vor allem, wenn es mit allen optischen Feinheiten wie der Mac-ähnlichen Aero-Oberfläche betrieben werden soll. Die Spezifikationen, die Microsoft angibt - Prozessorgeschwindigkeit von mindestens einem Gigahertz, ein Gigabyte-Arbeitsspeicher und eine 40-Gigabyte-Festplatte -, sind tatsächlich Minimalanforderungen. Dazu gehören auch eine Grafikkarte mit 128-Megabyte-Video-Arbeitsspeicher für Auflösungen von 1280 x 1024 Pixel oder höher und ein Grafikchip, der DirectX 9 unterstützt. Sonst bleibt das schicke Aero abgeschaltet

Revolutionär Neues hat Vista nicht zu bieten.

windows_vista Einen effektiven Virenschutz, funktionierende Spamfilter und transparente Fenstereffekte gibt es auch bei anderen Betriebssystemen. Trotz allen Schulterzuckens und der ausgebliebenen Fanfaren sind sich die Experten einig, dass sich Vista durchsetzen wird. Doch wie lange Ballmer darauf warten muss, darüber streiten Marktforscher und Analysten noch. Mehr Zeit als Windows XP soll Vista brauchen, ist die vorherrschende Meinung.

Nach Einschätzung von Analysten der Credit Suisse werden in den kommenden Jahren nur ein knappes Drittel aller Computernutzer auf Vista umsteigen. Besonders die gestern noch mit einem exklusiven Launch umworbene Geschäftswelt gibt sich zögerlich.  Doch wird die Branche nach Ansicht des vielstimmigen Experten-Chors, der die Vista-Generalprobe begleitet, bis zu zwei Jahre (oder sogar länger) mit der Umstellung warten.

Die Migration in einem großen Unternehmen könne leicht 18 Monate dauern, mit einem Blitzfeldzug durch die Geschäftsetagen kann Ballmer also nicht rechnen. Vorsichtig wie Administratoren in verantwortungsreichen Positionen gerne sind, warten sie lieber, bis die klassischen Impfstoffe für den frisch operierten Patienten zu haben sind.

Und sie warten noch ein bisschen länger, ob das neue Serum auch wirkt. Außer von McAfee sind bisher noch keine Mittel für Vista erhältlich. So richtig freuen können sich über Vista nur die Hardwarehersteller. Sie erwarten nach dem verpassten Weihnachtsgeschäft im Frühjahr einen kräftigen Schub vom neuen Windows.

Viele PC-Besitzer, die in diesem Jahr noch Kaufzurückhaltung übten, könnten den Windows-Generationswechsel hardwareseitig mitvollziehen, hoffen PC-Hersteller und Händler auf steigende Absatzzahlen. Sie erwarten, dass ab 30. Januar 2007 rund 90 Prozent der verkauften Computer mit der Endkundenversion von Vista über die Ladentheke gehen. Damit erreicht Vista auch die Nutzerschicht, die unter Missachtung gängiger Vorsichtsmaßnahmen alles installiert, was ihr auf den Schirm kommt. Ab dann wird sich nicht nur Vista wie ein Virus verbreiten.

Linus Thorwald zu Vista: Overhyped und nichts Neues!

Linux-Begründer Linus Torvalds hat erstmals einen Kommentar zu Microsofts neuem Betriebssystem abgegeben. Es fällt wie zu erwarten aus: vernichtend.

"Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Vista für große Unterschiede sorgen wird.", sagte Linus Torvalds in einem Interview mit LinuxWorld. Vista wird seiner Meinung nach überbewertet und von Microsoft als etwas dargestellt, das es eigentlich gar nicht ist - etwas völlig Neues.
"Die Hardware-Anforderungen von Vista sind zu hoch. Die Entwicklung könnte dazu führen, dass immer mehr User auf Linux umsteigen", freut sich Torvalds. Seiner Meinung nach wird dies allerdings ein langwieriger und schleichender Prozess werden und keinesfalls von heute auf morgen passieren.

Besser noch warten

Ob gediegene XP- Rechner für Vista taugen, probierten wir mit einem halben Dutzend vorhandener Maschinen, ein bis drei Jahre alt. Aktuelle PCs halten den Anforderungen von Vista durchaus stand, sie ächzen keineswegs unter dem neuen Betriebssystem. Und eine komplette Neuinstallation auf diesen Geräten war bei uns durchweg nach 30 Minuten abgeschlossen. Wer allerdings seine alten Programme und Einstellungen behalten möchte und das neue Windows übers alte installiert, kann schon mal mit der zehnfachen Einrichtungszeit rechnen und auch damit, dass ein Gutteil seiner Software anschließend nicht läuft.

Da hat Vista nämlich ganz eigene Ansprüche, vor allem, wenn systemnahe Programme zum Einsatz kommen: Das können Treiber von Druckern, Scannern, TV-Karten oder W-Lan-Adaptern sein, aber auch Medienanwendungen - besonders für Musik und Videobearbeitung -, Brennprogramme und Sicherheitssoftware. Sicherlich werden alle namhaften Hersteller über kurz oder lang Updates bereitstellen, die in der Regel kostenfrei übers Internet bezogen werden können. Wer schon jetzt umsteigt, muss mit Problemen rechnen. Klüger ist es also, noch ein paar Wochen zu warten. Oder einen fertig konfektionierten Vista-PC zu kaufen.

Eine gute, recht ansprechende  Info-Tour durch Vista gibt's hier!
Einen sehr informativen Praxistest mit Vista inklusive Installation in der Zeit Online ist hier zu lesen.
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Wissenschaftler warnt sogar vor Vista

Seit einigen Tagen sorgt im Internet ein Artikel über Windows Vistas Schutzmechanismen für digitale Inhalte für Furore, den der Sicherheitsexperte Peter Gutmann, Wissenschaftler an der Universität von Auckland in Neuseeland, online gestellt hat. Gutmann hat die technische Spezifikation für Vistas DRM-System (Vista Content Protection), Informationen von Grafikkarten-Herstellern und Gespräche mit Insidern im Hinblick auf die Konsequenzen für Produzenten und Nutzer von digitalen Inhalten ausgewertet. Sein Fazit ist verheerend für Microsoft und Hardware- wie Software-Hersteller: "Die Vista-Spezifikation zum Schutz digitaler Inhalte ist womöglich die längste Selbstmordankündigung der Geschichte."

Windows Vista ist seit November für Geschäftskunden erhältlich und soll Anfang 2007 auch in der Endanwender-Version in den Geschäften stehen. Microsoft vermarktet das neue Flaggschiff ausdrücklich mit dem Hinweis auf die neuen Sicherheitsmechanismen: "Windows Vista ist das sicherste und vertrauenswürdigste Betriebssystem und es wird Organisation dabei helfen, ihre Geschäftsziele und Rechenbedürfnisse mit Vertrauen zu erfüllen."

Grundlegend überarbeitet

Zu diesem Zweck hat Microsoft nach eigenen Angaben Kernbestandteile des Betriebssystems grundlegend überarbeitet. Das betrifft unter anderem die Benutzerverwaltung, die Zugangskontrolle, die Firewall und den Internet Explorer. Gänzlich neu ist die Integration von digitalem Rechte-Management (DRM) auf allen Betriebssystem-Ebenen. Zu den "Datenschutz-Maßnahmen" gehören die Dateisystem-Verschlüsselung, die Festplattenverschlüsselung BitLocker, und eine Reihe von Vorkehrungen, über die Microsoft in der Werbung eher weniger redet.

Die in Windows Vista eingesetzten "Rights Management Services" (RMS) und das "Device Control" sollen dafür sorgen, dass "Nutzungsrechte an Dokumenten auf dem Anwender-PC durchgesetzt werden"; dass "Inhalte beim Transport geschützt werden"; dass "Inhalte während der Zusammenarbeit geschützt werden"; dass "Daten gegen Diebstahl gesichert sind". Gewährleistet wird diese Art des "Datenschutzes" durch "Protected Video Path - Output Protection Management" (PVP-OPM), "Protected Video Path - User-Accessible Bus" (PVP-UAB), "Protected User Mode Audio" (PUMA) und "Protected Audio Path" (PAP).

Sichererer Ort für Premium-Inhalte

Das erklärte Ziel von Microsoft ist die Errichtung eines Windows Media DRM Device Ecosystem For Windows Vista. Dazu solle der PC zu einem "sichereren Ort für Premium-Inhalte" gemacht werden. Die Konsequenzen diskutiert Peter Gutmann beispielhaft in seinem ausführlichen Artikel "A Cost Analysis of Windows Vista Content Protection".

Ins Auge springend seien die höheren Kosten, die auf Hardware- und Software-Hersteller zukommen würden. Gutmann zitiert dazu den Grafikkarten- und Chipsatz-Hersteller ATI: "Diese Kosten werden auf die Verbraucher umgelegt und können die Verfügbarkeit von hochleistungsfähigen Plattformen verzögern." Neue Hardware und neue Treiber müssen in Zukunft den Vista-DRM-Kriterien genügen und zertifiziert sein, was entwicklungstechnisch mit erheblichem Mehraufwand verbunden ist. Treiber oder Komponenten, die sich als fehlerhaft im Sinne von Microsofts Vorgaben erweisen, können in Zukunft per Kommando über das Internet abgeschaltet werden. Dazu heißt es in einem entsprechenden Microsoft-Dokument: "Die geschützte Umgebung in Windows Vista wird, nach Verstreichen einer angemessenen Warn- und Wartefrist, jeden Treiber blockieren, der Premium-Inhalte nicht ausreichend schützt [...] Wenn ein- und derselbe Treiber für alle Chips eines Herstellers eingesetzt wird, dann könnte die Blockade des Treibers dazu führen, dass alle Produkte eines Herstellers einen neuen Treiber benötigen."

Zu Deutsch: Ein fehlerhafter Treiber kann dazu führen, dass eine Grafikkarte, eine Soundkarte oder eine andere systemkritische Komponente den Dienst einstellt. Im schlimmsten Fall sind alle Produkte eines Herstellers davon betroffen. Es scheint also in Zukunft nicht mehr ausgeschlossen, dass beispielsweise die Computer eines Krankenhauses, eines Ministeriums, oder der Flugüberwachung von Microsoft über das Internet auf einen Schlag abgeschaltet werden.

Ein anderes, gravierendes Problem sieht Gutmann in der automatischen Verschlechterung von Bildinformationen, falls Premium-Inhalte verarbeitet werden. Die Spezifikation von Vista sieht vor, dass die Darstellungsqualität von digitalen Bildern automatisch verringert wird, sobald eine Komponente des Systems geschützte Inhalte, zum Beispiel Musik, verarbeitet. Ohne, dass der Anwender das weiß, könnten dann etwa Röntgenaufnahmen verfälscht dargestellt werden, zu falschen Diagnosen führen und am Ende Menschenleben gefährden. warnt er.

Warum riskiert Microsoft soviel Ärger?

Angesichts solcher Risiken, fragt sich Gutmann nach Microsofts Motiven: "Warum riskiert Microsoft soviel Ärger?" Seine Antwort auf diese Frage lautet: "Der einzige Grunde, den ich mir dafür vorstellen kann, dass Microsoft die eigenen Entwickler, die Gerätehersteller, unabhängige Entwickler und Kunden derart quält, ist, dass Microsoft die vollständige Kontrolle über die Vertriebskanäle [für digitale Premium-Inhalte] erhält, sobald diese Kopierschutz-Mechanismen Verbreitung gefunden haben [...] Am Ende wird ein technisch erzwungenes Monopol stehen, gegen das das bestehende De-facto-Monopol von Windows harmlos aussieht."

Gutmann gesteht selbst zu, dass seine Kritik nicht vorurteilsfrei ausfällt. In der Sache jedoch, so betont er, seien die genannten Kritikpunkte zutreffend. Wer nicht glauben könne, dass Microsoft bei Vista so weit gegangen ist, ein so "überaus kurzsichtiges Stück Ingenieurskunst" zu implementieren, solle einfach in den entsprechenden technischen Dokumenten bei Microsoft nachlesen. Die entsprechenden Unterlagen lassen sich bei Microsoft herunterladen.