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September 1986. "Herr Müller ...!" Das war oft das erste was ich von meinen Gruppenleiter hörte. Meine Kollegen grinsten schon im Voraus. Entweder stand er wie aus dem Boden gewachsen hinter mir - huch - oder es rief ganz leise irgendwoher hinter irgendeinem Zeichenbrett weiter meinen Namen.
In diesem Fall verkündete die leise "Herr Müüülleeeer..." rufende Stimme freudig: "Sie machen das neue Schwungrad für den Evo".
Sofort bekam ich auf das Zeichenbrett meinen ersten gelben
Post-It-Klebezettel mit Anweisungen geklebt. Damit war ich sozusagen "officially
pimped". "Ooops" dachte ich also mir. "Jetzt geht's endlich zur Sache."
Ich bekam auch präzise Instruktionen dazu. Schwungrad, Motor S14. Klicken Sie bitte auf das Bild links. Das Gedöns mit den vielen Zähnen dran war das Schwungrad des Ausgangszustandes. Wichtig dabei: Das war schon das Schwungrad für den Rennmotor!
Also, ich bekam meine Vorgaben und konnte loslegen. Mit CATIA Version 2.7.2. Sie haben richtig gelesen. CATIA Version Zwei Punkt Sieben. Da gab's nur doofe MockUp-Solids ohne Shaded Mode. Plotten war erst gegen Jahresende ab Version 2.7.4 möglich. Kein Farbbildschirm. Eierschalenfarbene Linien auf grünem Hintergrund von Monitoren, welche heute jeder als Strahlenkanone bezeichnen würde. Es konnte einem passieren, dass sich am Abend eine kleine feine, unsichtbare aber spürbare Staubschicht auf der Stirn befand, weil die Ablenkstrahlung einem den gesamten Dreck in der Luft so ins Gesicht schleuderte. Das aber nur am Rande.
Also fing ich an, das Schwungrad für den Serienmotor zu entwerfen. Ich musste so zwei Kilo Gewicht holen, damit die Entwurfsvorgaben eingehalten wurden. Ab dem dritten Entwurf hatte ich eine Form gefunden, welche meinen Erwartungen entsprach. Wohlgemerkt, meinen Erwartungen. Dann gings weiter auf dem Zeichenbrett. Eine Ansicht mit Hidden Lines gab's nicht. Alle Linientypen mussten von Hand Layer-Filtern zugeordnet werden.
Nebenbei bemerkt: Sie müssen dazu wissen, mein Gruppenleiter war ein Zögling des legendären Alexander von Falkenhausen. Alte Schule. Jeder Strich kommt überlegt. Kein Ratespiel. Schritt für Schritt vorwärts. Ich erfuhr diese "Randbedingungen seiner Person" erst in den späteren Jahren Stück für Stück. Ich muss aber sagen, diese Sorgfalt hat mich stark geprägt. Teils habe ich diese wieder mühsam abgelegt, andererseits steckt immer noch in vielen Handlungen von mir in Beratungsthemen dieses Absicherungsbedürfnis. Nicht dass man alles aufschreibt wie ein Jurist oder sein eigenener Buchhalter - das ist absoluter Blödsinn - sondern dass man bewusst Schritt für Schritt sich eine Entwicklung oder ein Projekt aufbaut. Ist man sich unsicher, muss man eben zurückgehen. Das ist sicher eines der Geheimnisse des Erfolges der BMW-Motorsport. Dahinter steckt eben der Geist dieser Personen, wie Alex von Falkenhausen oder Paul Rosche und insbesondere Milan Micik an allererster Stelle.
Nun hatte mein Vorgesetzter, das Sicherheitsbewusstsein in Person, einen leichten Schock. Er sah nämlich einen Entwurf, welcher heftige Diskussion auslöste: Konnte man dieses extreme Schwungrad in einem Serienmotor verwenden? Wie verhält sich das Schwungrad wenn über 400 PS daran zerren und zig-fach bei Maximaldrehzahl über 7200/min mehrmals eingekuppelt wird? Was passiert, wenn das Rad neben dem Fahrer "platzt"?
Mein Gruppenleiter kochte innerlich. Einerseits konnte er nichts sagen, denn der Entwurf war logisch und nachvollziehbar. Er selbst hätte es nie so extrem entworfen. Obwohl er alle Rennmotoren der BMW-Motorsport in den wesentlichen Zügen entworfen hatte, widersprach ihm hier so sein Sicherheitsbedürfnis und innere Stimme vehement.
Nun stand er vor vollendeten Tatsachen. Also machte er das einzig Richtige. Er holte seinen Chef und dieser wieder seinen Chef,
Paul Rosche. Bald stand der Leiter der BMW Motorsport auch vor meinem Brett und überlegte, ob er sich darauf einlassen sollte. Rosche grübelte: "Doa schaugst her...Kruzitürkn .. So a loachts Radl" murmelte er. Pause. Schweigen. Grinsen. " Kumm, machs!" - Ende der Diskussion.
Das obere Schwungrad ging so in Serie und war ohne Probleme bis über 800 PS belastbar. Wie gnadenlos die Tuner dann dieses Thema weiterbearbeiteten, sehen sie auf diesem letzten Bild. Hier wurde sogar der Anlasserdrehkranz abgefräst. In manchen Situationen ist diese extreme Reduktion sogar sinnvoll, will man einen Schwingungsknoten in dem Triebstrang beruhigen oder verschieben.
Wie und wo man Gewicht aus Bauteilen holt und wie extrem dies geschehen kann, dazu gibt's hier schon noch eine weitere amüsante Story. Meinem damaligen Gruppenleiter bin ich heute noch dankbar: Dank seiner akribischen Erziehung und Schule ist es mir gelungen, über 20 Jahre kein einziges fehlerhaftes Bauteil abzugeben.
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