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1988 Godfather of Supercars 1/2 Drucken
Mittwoch, 10. Mai 2006

Besprechungseinladungen in der BMW-Motorsport GmbH sind Tagesroutine. So war es für mich auch nicht weiter verwunderlich, als wir von Milan Micik, unserem Leiter der Entwicklung High Performance Motoren eine Einladung für einen 16 Uhr Termin an einem verregneten Septembertag erhielten. Damals gabs noch keine Email und die Einladungen zur Besprechung wurde mündlich übermittelt. 

So saßen Konstrukteure und Versuchsingenieure erwartungsvoll um den großen runden Tisch in der Preußenstraße. Noch spannender wurde es, als Milan Micik mit einem breiten Grinsen die beiden Zugangstüren schloß und uns ansah, bis die Gespräche am Tisch verstummten und er zu uns sprechen konnte.  Milan Micik kam ohne große Umschweife zur Sache:


6 Liter Hubraum, 600 Newtonmeter und über 600 PS

Wer jetzt denkt, ein jeder der im Raum versammelten Personen hätte diese Information von irgendwoher schon vorab bekommen, täuscht sich. Ich erinnere mich noch sehr gut an das gewinnende Grinsen von Milan Micik und das erstaunte Raunen in der Gruppe.

Bis zu diesem Zeitpunkt war uns Konstrukteuren und Technikern einfach nichts dazu bekannt. Wo sollte denn so ein Motor Verwendung finden? 600 PS waren schon machbar. Wir hatten ja im aktuellen Sechszylinder-M5 (S38 intern)  mehr als 300 gesunde Pferde versammelt. So langsam dämmerte es jedem Einzelnen.

2x300 PS gibts so nur im Zwölfzylinder!

Einige wenige Worte wurden noch gewechselt. Natürlich war das Projekt Top Secret. Mit einem Kollegen war ich sehr gut befreundet - Michael Danzer - und mit ihm ging ich darauf noch oben zum Arbeitsplatz. Wir waren alle sofort in Gedanken, denn der Motor war nach Baugruppenverantwortung gegliedert.

  • Herr Danzer - Kurbelwelle, Pleuel, Ölpumpe und Riementrieb
  • Herr Himmel und HerrCarolin - Einspritzung und Sauganlage
  • Herr Russdorfer die gesame Zundsteuerung und Motronik
  • Herr Brich die Auspuffanlage
  • Herr Jandl und ein unbekannter Kollege den Zylinderkopf und Kurbeltrieb
  • ich als Jüngster den gesamten Ventiltrieb, die Doppelketten und das Schwungrad.

DaimlerChrysler im Vergleich zu dieser Zeit hat mit einem Riesenaufwand von über 200 Millionen DM damals seinen Zwölfzylinder entwickelt. Der war laut, unkultiviert, hatte Schwingungen wo er sie nicht haben durfte und überhaupt keine Leistung. 

Hier strickte eine Mini-Mannschaft mit einem Rentner aus der Technik GmbH bei Weisswurst mit Brezln und schwarzen Tee mit Rum an einem Motor, welcher bis heute noch keinen ebenbürtigen Gegner gefunden hat und vom ersten Moment an präzise wie ein Schweizer Uhrwerk lief.

Nie mehr in dieser Form so erlebt 

Unglaublich war dass jedes Teil auf Anhieb passte. Bei unseren erfahrenen Profis war das kein Thema. Im Gegensatz zum heutigen Jugendwahn - wer hätte denn heute einen Rentner für das Kurbelgehäuse geholt - saßen Jung und Alt gemeinsam am Tisch und arbeiteten miteinander. Ohne die Karrieregeilheit der heutigen "Teamarbeiter". Mir selbst stieg da als Jüngster in der Altherrenriege so manchmal das Blut in den Kopf vor lauter Anstrengung nur keinen Fehler zu machen. Und immer half jemand.

Als ich recht unsicher war mit der Zündfolgenauslegung und den damit verbundenen Stellungen der 4 Nockenwellen über alle 12 Zylinder, saß mein Chef Jandl mit mir am Tisch und leistete Denkhilfe. Auch Herr Danzer, ein rotblonder magerer Hühne immer mit der HB-Zigarette im Mund - neigte sich von der anderen Seite über den Tisch und half mit. Schade ist, dass ich keine Daten mehr vom Kettentrieb mit den beiden Doppelketten hatte. Apropos Geheimhaltung. Links ist genau dieser besagte erste S70/1 abgebildet welcher im ersten Versuchsträger verbaut war. Wer den Motor damals fotografiert hatte und wie Peter Vann an dieses Bild kam, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Das Fahrzeug wurde bewacht wie die Kronjuwelen. Kein Schritt, kein Tritt ohne dass jemand daneben stand. Und dann dieses Foto im Internet. Eigenartig.

Wie das mit CATIA ging?

Nun, CATIA V3 Punkt Irgendwas hatte noch keinen schattierten Modus. Farbig war's schon. Wir hatten als erste diese Monster von Farbbildschirmen mit dem Knistern beim Ausschalten und dem grünen Schirm. Ich saß tagelang am Bildschirm, schob meine Kettenglieder durch den 3D-Raum und immer wieder kippte mir im Kopf die Vorstellung, was die linke und die rechte Kettenspur war, nach einem Buffer Refresh (Regenierung der 3D-Darstellung) um. Vor lauter Drehen und Schwenken wurde es mir einmal am Bildschirm regelrecht schlecht und schwindlig. Der Effekt war nur bei Details vorhanden. Ich glaube das war damals ein Bug. Aber ein recht gemeiner. Wenn ich die Details explodierte, war der Effekt weg. Nur, dann konnte ich nur auf einer Seite konstruieren. Ach ja! Dann musste man den Bildschirmbereich noch eingrenzen, weil die Grafikkarten damals nicht alles an Geometrie darstellen konnten. Also hatte man effektiv die Größe einer Postkarte als sichtbaren Bereich! Das war dann wirklich der Synapsenkiller. 

Aber die Details musste ich haben, denn ich musste den linken Kettentrieb entwickeln und im gleichen Moment schauen, wie er rechts in die Deckel und den Zylinderkopf hinein passte.

Die notwendige Konzentrationsleistung war oftmals enorm, denn am Schirm sah das alles aus wie ein riesiger Strickmusterbogen oder der Stadplan von München und Berlin übereinander im Masstab 1:10.000. Die Mausfunktion war eine Lupe mit vier grusligen Knöpfen und das Drehen des Modells erfolgte über Drehsteller  (6 Stück) wie bei einem Kapitän auf einen Feriendampfer.

Das Umfeld

Bewundernswert war die Ruhe und Gelassenheit in welcher die Arbeiten stattfanden. Wir hatten auch ein Ritual uns jeden Tag um 9 Uhr am Brotzeittisch zu treffen und eben diesen Schwarztee miteinander zu trinken. So waren die Gespräche entspannt, die Ideen oft genial und die Leute dabei gelassen und lustig unterwegs.

Wir konstruierten ein halbes Jahr am Gesamtentwurf und nochmals ein halbes Jahr an den Details. Parallel dazu begannen die Teilebestellungen. Ende September war alles fertig und wir konnten den Motoraufbau in die Wintermonate hinein beginnen. Mit so vielen bewegten Teilen träumt man recht intensiv. Deswegen der Tipp an die Berufsbeginner: Suchen Sie sich auch Ihr Konstruktionsthema danach aus, wie Ihr Temperament ist. Die Kollegen, welche NICHT bewegliche Bauteile hatten, waren deutlich entspannter unterwegs (und schliefen ruhiger).

Teil 2 handelt um die Erprobung des Motors auf dem Prüfstand und dann im Auto. Was der Bulle mit einem 8er BMW anstellte, können Sie bald hier lesen.

 
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